Warum Essen und Garten/Selbstversorgung eigentlich zusammengehören

Man kann nicht über Nahrung schreiben, ohne sich Gedanken zu machen, woher sie eigentlich kommt, und unter welchen Bedingungen sie produziert wird.
Zumindest ich möchte schon etwas genauer wissen, was ich da esse.

Seitdem ich als Teenager den ersten Film über hochmoderne Tomatenproduktion in den Niederlanden gesehen habe, mit Tomaten auf Steinwolle, die regelmäßig mit Nährsalzlösung geflutet wurde, wußte ich, warum ich die nicht essen mochte.
Schnittfestes gefärbtes Wasser in Tomatenform, ohne Aroma und Geschmack.
Die Tomaten aus dem Garten einer Freundin waren da ganz was anderes.
Die waren zwar optisch nicht perfekt, hielten sich nicht lange, und hatten gelegentlich auch eine härtere Haut, dafür aber einen unvergleichlichen Geschmack, und man konnte sie schon aus 10m Entfernung riechen.

Wir wohnten damals mitten in der Stadt, im 2. Stock, und meinem Vater war schon der Gedanke an einen Kleingarten mit dem ganzen Vereinsgedöns ein Graus – also keine Chance selbst was zu machen.
Dafür lernte ich im Lauf der Jahre Balkongärtnerei – es gibt nichts, was nicht auch in Kübeln und Kästen wachsen könnte…

Meinen ersten richtigen Garten bekam ich erst Mitte der 90er, zeitgleich mit meinen ersten Bienen, und dann gleich 450qm frisch umgepflügten sehr schweren Lehmboden, der auch noch queckenverseucht war.
Der Boden war feucht nicht zu bearbeiten, und trocknete regelmäßig zu Beton.
Nicht gerade die idealen Vorausetzungen für einen hoffnungsvollen Anfänger.
Im ersten Jahr habe ich Anfang Juli aufgegeben – ich wurde weder der Quecken noch der Schnecken Herr.
Die Ernte war sehr bescheiden für die Fläche, aber ich freute mich über jede gerettete Erdbeere und jedes Radieschen ohne Schneckenfraß – die Kartoffeln waren alle entweder mit Quecken durchwachsen oder von Drahtwürmern angefressen.
Wir haben dann nochmal gepflügt, alles an Quecken ausgelesen, was nur ging, eine dünne Lage Pferdemist ausgebracht, und mit altem Stroh dick gemulcht bis zum nächsten Frühjahr.

Das zweite Frühjahr war ein sehr nasses. Und alle Schnecken der Umgebung (nur Pferdewiesen drumrum) kamen begierig zu der Vielfalt leckeren Gemüses in meinen Garten…
Wir haben von Ende März bis Anfang Juni jeden Tag morgens und abends jeweils ca 300 Schnecken abgelesen, immer einen 10 Liter Eimer voll – das waren unglaubliche fast 40.000 Schnecken!
Heute weiß ich, daß Schnecken wirklich auf Kilometerdistanzen Futter riechen können, speziell Biergeruch auf fast 2 Kilometer.
Da war mein duftendes Kräuterbeet sozusagen ein Leuchtturm in der endlosen See von Graswiesen ringsum für die Viecher.
In dem Jahr hatten wir ab April auch 60 Enten zur Mast auf einer Wiese neben dem Garten.
Zuerst kamen sie noch freudig angelaufen, wenn man ihnen Schnecken rüberwarf, aber nach drei Wochen liefen sie eher davor weg…

Auch die Quecken waren wieder da, aber das Problem löste ich anders: ich hatte meine Gemüsereihen immer einen Meter weit auseinander, dazwischen viel Mulch, und dann einfach jede Woche drübergemäht.
In den Reihen zu zupfen, war dann nicht mehr ganz so schlimm.
Der Ertrag war schon besser, aber täglich 2x 20min Schneckenabsammeln konnte auch keine Lösung sein.

Ab dem 3. Jahr bin ich zu meiner Kübelgärtnerei zurückgekehrt, fast schneckenfrei auf einem gepflasterten Innenhof…
Hier brauchte ich keine Rücksicht auf Statik wie bei einem Balkon zu nehmen, und hatte die nächsten 4 Jahre 50 gelochte Mörtelkübel mit Gartenerde und Kompost zum Austoben 😉
Ab da machte Gärtnern auch wieder Spaß.

Hier habe ich jetzt zwar ein Riesengrundstück mit sehr leichtem Sandboden, aber wieder nur Pferdewiesen drumrum, und ebenfalls ein Queckenproblem. Plus Killerbrombeeren- und Traubenkirschenproblem.

Letztes Jahr hatte ich alles an Pflanzen vorgezogen, und alles wurde innerhalb von zwei Nächten nach dem Auspflanzen weggefressen – vorher war hier kaum je eine Schnecke auch nur zu sehen.
Dieses Jahr habe ich alles direkt gesät, und mehr als Keimblätter habe ich von keiner Pflanze mehr gesehen.
Frust.
Mega-Frust.

Also wieder Kübelgärtnerei, auch wenn der Mann den Kopf schüttelt, und das albern findet – aber ich weigere mich, Schneckenkorn zu nehmen.
Ich kann nicht einerseits gegen Pestizide in der Landwirtschaft sein, und andererseits dann selber Gift in meinem Garten verteilen – das verträgt sich nicht.
Klar könnnte man auch Schneckenzäune aus Kabelkanälen basteln, aber das geht finanziell noch nicht, da sind dann doch etliche Meter nötig.

Pferdemist von den Reiterhöfen nebenan kommt mir auch nicht auf die Erde, weil sie im Sommer alle zwei Monate kollektiv entwurmen. Wenn dann 60 Großpferde gleichzeitig ihre Dröhnung kriegen, kann man sich leicht vorstellen, daß das eher kein Dünger, sondern ziemlich giftiger Mist ist. Die Wirkstoffe laufen dann bei jedem Regen auch in den guten Mist darunter auf dem großen Haufen…

Meinen Kompost muß ich zukaufen – 25km von hier ist die Kompostierungsanlage für den Biomüll des Kreises.
Die Analysewerte sind okay, und ich habe recht wenig Bedenken dabei.
Einen eigenen Kompost haben wir nicht, weil wir einfach zuwenig Biomüll produzieren, und ich sehe keinen Sinn darin, Pflanzen aus dem Garten zu zerhäckseln mit viel Arbeit, wenn sie sich über Winter flächig selbst zersetzen.
Bei einer Familie mit großem Gemüsegarten und viel Biomüllaufkommen sähe das anders aus, da würde sich ein Komposthaufen lohnen.
Wenn wir eßbare Tiere mit „Naturdüngeranfall“ hätten, würde ich es auch anders machen, aber da wir mit Stallbau so weit im Rückstand sind, wird das erst mal nichts.

Im Moment bin ich durch die Frühjahrspleite gartentechnisch also noch sehr eingeschränkt, außer Schnitt- und Pflücksalat und etlichen Kräutern und Beerensträuchern plus ein paar Radieschen ist noch nicht viel zu ernten.

Im nächsten Frühjahr geht es dann direkt in Kübeln los, dann wird das auch wieder sehr viel mehr.
Ich ziehe eh nur noch Dinge, die ich auch wirklich esse – was nützt es, Markerbsen zum Trockenvorrat wachsen zu lassen, wenn niemand Erbsensuppe daraus essen mag?
Mit 20 zeitgleich reifen Weißkohlköpfen dazustehen, macht mich ebenfalls nicht glücklich, dann säe ich doch lieber Spinat.;-)

Ein vollständiger Selbstversorger werde ich vermutlich niemals sein, aber mir reicht es auch schon, mich über Sommer mit eigenem Gemüse und Obst versorgen zu können.
So frisch und schadstoffarm kann nicht mal die feinste Bioware sein, und ich kann mir den Luxus leisten, meine Sorten rein nach Geschmack auszusuchen – ich muß keine Rücksicht auf Transport- und Lagerfähigkeit nehmen.

Wenn man sich mal ernsthaft den Inhaltsstoffen der verarbeiteten Lebensmittel widmet, gruselt man sich nach kurzer Zeit.
Ich will diese Dinge nicht in meinem Essen haben!

Und uns geht es noch relativ gut – die Anteile an GVO sind (noch) ziemlich gering, wir müssen keine Milch von Kühen trinken, die rBGH (recombined bovine growth hormones) gespritzt bekamen, und Fleisch von geklonten Tieren ist m.W. auch noch nicht auf dem Markt, wie in den USA.

Wer als Verbraucher das alles klaglos hinnimmt, ist selbst schuld.
Wir alle können was dagegen tun, indem wir solche Produkte einfach nicht mehr kaufen und unser Essen selbst ziehen oder wenigstens aus Bioware selber kochen.
Natürlich sind die Biobauern auch keine Heiligen, aber wegen einzelner schwarzer Schafe gleich die ganze Herde zu brandmarken als Betrüger geht dann doch entschieden zu weit.

Die volle Kontrolle über sein Essen hat man nur mit einem Garten, und wenn es nur ein Balkon zu Beginn ist.
Essen wächst überall.

Danke fürs Lesen! 😉

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9 Antworten so far »

  1. 1

    nosupermom said,

    Du machst mich richtig neidisch!

    • 2

      vollwertigerin said,

      Womit? Ich hab doch dieses Jahr bisher wirklich nix zum Vorzeigen zustandegebracht, und muß den größten Teil vom Gemüse kaufen….*grummel*

      • 3

        nosupermom said,

        Allein die Tatsache, dass du so einen herrlichen Garten hast! Und der neueste Bericht mit den ganzen Tieren ist wirklich zu schön. Das ist Urlaub beim Lesen!

  2. 4

    vollwertigerin said,

    Danke! Das mit dem „herrlichen Garten“ sehen die Nachbarn anders, aber hier darf eben alles wachsen, was Bienenfutter ist.
    Und da sind halt Disteln und Löwenzahn besser als Stiefmütterchen und gefüllte Dahlien, mein Geschmack ist da „grün“.
    Wenn man sowas mag, ist es toll hier…;-)

    • 5

      nosupermom said,

      Meine Nachbarn hassen mich auch, weil ich meine Pflanzen nicht beschneide. Wenn ich Stauden pflanze, dann achte ich schon auf einheimische Arten und lasse auch Wildblumen stehen. Und die vielen tollen Sträucher auf 40 qm finden die Nachbarn auch doof. Aber die Vögel lieben es. Ich hatte sogar schon einmal im Totholzhaufen einen Igel – den haben die Nachbarn dann „gerettet“… 👿

      Mach nur so weiter!

      (Für morgen habe ich Knochen vorbestellt und koch Rinderfonds… Yeah! Ich freue mich schon auf viele neue Denkanstöße!)

      • 6

        vollwertigerin said,

        Das ist jetzt lustig – ich hab mir heute mittag Rindersuppe mit Markklößchen aufgemacht…*ggg*

  3. 7

    Tatjana said,

    Hallo! Ich musste so lachen, als ich Deine Beschreibung von Deinem Garten in Nachbarschaft von Pferdekoppeln gelesen habe. Das könnte mein Garten sein. Genauso ging es mir, Schnecken ohne Ende, Ackerwinden (Quecken?) die alles überwucherten. Ich habe mittlerweile Schneckenzäune, Schneckenkragen und grabe immer noch Eimerweise Wurzeln der Ackerwinde aus. Aber meine gartentechnischen Erfolge machen mich deshalb umso stolzer.
    L.G.
    Tatjana

  4. 8

    Renate said,

    Hi
    Das problem mit den Nachbarn hat wohl jeder der die Natur liebt und keinen perfekten „Blumengarten“ haben will 🙂
    Bin auch auf Kübeln umgestiegen wegen den Schnecken…bringe es nicht übers Herz sie zu töten:\
    Das einzige was sie nicht anrühren bei mir sind die Kräuter und die wuchern im ganzen Garten.
    Es hat mir einen riesen Spaß gemacht deinen Bericht zu lesen:)
    Mach weiter so!
    LG Renate

  5. 9

    Johne270 said,

    what are some superior and in demand websites for blogs? ?? . cfcggdegkkce


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